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Historische Gedichte – Malvorlagen

Der treue Hund – Johann Martin Usteri

Der treue Hund.

Ernst sprach der Wirth zum edeln Gast :
»Ihr dürft nicht weiter eilen,
»Noch tobt des Fönwinds Heulen,
»Der wild in dem Gebirge ras’t,
»Und Schneeslasten thürmet,
»Und donnernd niederstürmet. «

 

Und ängstlich horcht er in die Nacht
Hinaus, und auf die Kniee
Sinkt er : »Jesus Marie !
»Wie’s in den Klüften tos’t und kracht !
»Hört ihr das dumpfe Hallen ?
»Gott, die Lawinen fallen ! «

 

Doch Brandenberg stand auf und sprach :
»Mich binden Wort und Ehre,
»Daß heut‘ ich wiederkehre !
»Glaubst du, es sich’re mich dein Dach ?
»Will Gott mein Leben enden,
»Steht’s hier in seinen Händen.

 

»Wohlauf, mein treuer Knapp‘, wohlauf,
»Mein Fido ! euer Zittern
»Wird nimmer mich erschüttern :
»Gefahr hebt keine Pflichten auf !
»Uns leuchten Schnee und Sterne,
»Hinaus, das Ziel ist ferne ! «

 

Der Ritter schied ; der fromme Wirth
Blieb bang am Feuer sitzend,
Und bethete, daß schützend
Der Engel, der die Pilger führt,
Zur sichern Thalesweite
Den Rittersmann geleite.

 

Und sieh ! der Morgen graut herauf,
Er legt sich müde nieder :
Da weckt ihn plötzlich wieder
Ein Winseln aus dem Schlummer auf,
Und ängstliches Gebelle
Schallt an des Hauses Schwelle.

 

Er öffnet : zitternd stürzt der Hund
Des Ritters in das Zimmer ;
Sein klagendes Gewimmer
Thut eine böse Mähre kund ;
Es eilt der Wirth, voll Schrecken,
Gesind‘ und Weib zu wecken.

 

»Wacht auf ! ein Unglück ist gescheh’n !
»Ach, ohne seinen Herren,
»Ist Fido da ; mit Zerren
»Und Winseln will er Hülf‘ erfleh’n :
»Auf, laßt uns eilig gehen,
»Ein Unglück ist geschehen ! «

 

Voraus der Hund : er läuft, und kehrt,
Sie stets zur Eile mahnend ;
Sie finden, was sie ahnend
Geseh’n : die Laue ! – wild verheert
Die Straße ; Mann und Knabe
Bedeckt im grausen Grabe !

 

Und winselnd scharrt der Hund auf’s neu‘,
Und kratzt mit wunden Füßen
In Schnee und Eis ; es fließen
Der Rührung Thränen seiner Treu :
Man gräbt und gräbt – und – Freude !
Gerettet sind sie beide !

 

Da drückt an’s Herz mit nassem Blick
Der Ritter den Befreier :
»Du Guter, Lieber, Treuer !
»Du führst mich aus dem Grab zurück !
»Dich lohn‘ die treuste Pflege,
»Bis ich zur Ruh mich lege. «

 

In Oswalds Kirche zeigt ein Schild
Des Ritters Grab ; man stellte
Ein Denkmahl auf, gesellte
Zu seinem auch des Retters Bild,
Daß man den Fido ehre,
Und Treu‘ die Menschen lehre.

 

Johann Martin Usteri (1763 – 1827)
Aus Dichtungen in Versen und Prosa
von Johann Martin Usteri, Band I, 1831.
»Balladen «

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27. Februar 2017 - Posted by | Balladen | , ,

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